Das Internet gilt heute als selbstverständlicher Teil des Alltags. Seine Entstehung wird in den Geschichtsbüchern aber oft anders erzählt, als sie nach Yasha Levine wirklich war. In seinem Buch Surveillance Valley (Untertitel sinngemäß: „Die geheime Militärgeschichte des Internets“) beschreibt der in Russland geborene US-Journalist das Netz von Anfang an als Überwachungs- und Kriegsinstrument, nicht als neutrale Technik oder Freiheitsprojekt.
Heute: alles fühlt sich frei an
Die üblichen Erzählungen
Levine stößt in den gängigen Darstellungen auf zwei Geschichten, die oft vermischt werden:
- Das Militär habe ein Netz gebraucht, das einen Atomschlag übersteht.
- Junge Programmierer und Hacker der Gegenkultur der 1960er-Jahre hätten das ARPANET als mediale Utopie gebaut, weitgehend ohne das Militär.
Beides hält er für Legenden, die den eigentlichen Zweck verdecken.
Levines Gegenerzählung
Im Mittelpunkt steht William Godel vom US-Verteidigungsministerium. Der reiste 1961 nach Vietnam und erkannte im Guerillakampf der Vietcong die neue Kriegsform: Aufstände gegen von den USA gestützte Regierungen, nicht mehr der klassische Krieg wie im Zweiten Weltkrieg. Die Antwort hieß Aufstandsbekämpfung. Dafür brauchte man Technik, die schnell zeigt, wie eine Bevölkerung „tickt“ und wann Unruhe droht.
Godel brachte die 1957 gegründete Militärforschungsbehörde ARPA (heute DARPA) dazu, genau daran zu arbeiten. So entstand das ARPANET, der Vorläufer des Internets. Es sollte Militär und Geheimdienste verbinden, damit sie Informationen über Personen und politische Bewegungen zusammenführen und auswerten können. Zuerst im Ausland, später auch im Inland, als Antikriegs- und Bürgerrechtsbewegung wuchsen.
Danach wurde das Netz für die Öffentlichkeit geöffnet und so selbstverständlich in den Alltag eingebaut, dass die militärische Herkunft kaum noch sichtbar ist.
Morgen: die Fäden laufen zusammen
Von der Aufstandsbekämpfung zum Alltag
Das Prinzip blieb gleich: Verhalten beobachten und vorhersagen. Was das Pentagon für mögliche Aufstände wollte, nutzen Tech-Firmen wie Google, Facebook, Amazon, Uber oder Airbnb für Kundenbedürfnisse. Google wurde innerhalb weniger Jahre zur Plattform, die fast jeden Nutzer erfasst. Das Pentagon arbeitet mit diesen Firmen zusammen. Der alte Traum, die Welt zu beobachten und die Zukunft vorherzusagen, ist damit weitgehend Wirklichkeit geworden. 2013 machte Edward Snowden das Ausmaß der Überwachung öffentlich.
Levine sieht Snowden trotzdem kritisch: Als langjähriger CIA- und NSA-Mitarbeiter habe er die tiefen historischen Verbindungen zwischen Tech-Firmen und US-Militär unterschätzt und nicht klar erkannt, wie stark von Firmen erzeugte Daten auch bei tödlichen Einsätzen im Ausland eine Rolle spielten.
Auch „Tor“ ist keine Gegenwelt
Der Datenschutz-Browser Tor gilt als Weg ins Darknet und als Schutz vor Überwachung. Levine zeichnet ein anderes Bild: Tor ging Anfang der 2000er aus einem Projekt der US-Marine und von DARPA hervor, Google finanzierte mit, und die spätere gemeinnützige Organisation blieb auf Regierungsaufträge angewiesen. Eine Datenschutzbewegung, die sich nach außen gegen den Staat stellt, sei deshalb zum Teil nur Theater.
Fazit der Rezension
Das Buch ist reportagehaft, spannend und voller Wendungen, aber desillusionierend. Nach Levine sind wir im Netz gefangen: gläserne Bürger, über die Staaten und Firmen fast alles wissen. Eine deutsche Übersetzung gibt es bislang nicht; die Rezension von Eugen Zentner wünscht sich dafür einen mutigen Verlag.
Quelle:
Sachbuch „Surveillance Valley“ – Über die geheime Militärgeschichte des Internets
Dieser Beitrag ist AI generiert.
Yasha Levine: Surveillance Valley: The Secret Military History of the Internet. London 2019, Icon Books (englische Ausgabe), Taschenbuch, 384 Seiten, ISBN 978-1785785719
Was bedeutet das für die Zukunft?
Wenn Levines These stimmt, ist die Zukunft keine Überraschung, sondern die Fortsetzung desselben Prinzips: Verhalten erfassen, Muster erkennen, eingreifen, bevor etwas passiert.
Was das praktisch heißt?
Das Netz wird nicht neutraler, sondern enger mit Staat und Wirtschaft verflochten. Daten aus Handy, Social Media, Einkauf, Gesundheit und Verkehr lassen sich immer leichter zusammenführen. Daraus folgt nicht nur Werbung, sondern Vorhersage: Wer wird unruhig, wer kauft was, wer gilt als Risiko. Polizei, Geheimdienste und Firmen brauchen dafür kein neues Internet. Sie nutzen das vorhandene.
Sichtbar wird das an Dingen, die es schon gibt und die zunehmen können: Gesichtserkennung im öffentlichen Raum, Auswertung von Bewegungsdaten, automatische Flaggen für „auffälliges“ Verhalten, enge Zusammenarbeit zwischen Plattformen und Behörden. Anonymität wird zur Ausnahme, nicht zur Regel. Wer sich entziehen will, muss Aufwand betreiben, den die meisten nicht leisten.
Was daraus nicht zwingend folgt?
Die Herkunft legt die Richtung nahe, sie legt sie nicht fest. Dass ARPANET militärisch gedacht war, heißt nicht, dass jede E-Mail oder jede Website nur Überwachung ist. Dieselbe Technik trägt Widerspruch, Organisation und Öffentlichkeit. Verschlüsselung, Open Source und rechtliche Schranken wie die Datenschutz-Grundverordnung sind echte Gegenkräfte, auch wenn Levine sie für zu schwach oder teilweise mit dem System verflochten hält.
Ob die nächsten Jahre eher gläserner Bürger oder mehr Kontrolle über die eigenen Daten bringen, hängt weniger am Ursprungsmythos als an drei Dingen: wie viel Staaten dürfen, wie abhängig Alltag von wenigen Plattformen bleibt, und ob genug Menschen den Preis der Bequemlichkeit ablehnen. Levines Buch sagt: Hoffnung auf ein Entkommen ist gering. Nüchterner gesagt: Die Voreinstellung des Systems ist Überwachung. Alles andere muss man extra bauen und politisch durchsetzen.
Die Voreinstellung in dieser Lesart ist das gläserne Alltagsnetz. Privatheit wäre kein Nebenprodukt, sondern eine Extra-Entscheidung.



